Autorenlesung: Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher zeigt mit seiner Show im Schnitzer-Saal, dass Mathe glücklich machen kann
Mit einem DinA4-Blatt bis zum MondLorsch. Na also: Mathematik kann also doch Freude bereiten. Der Albtraum vieler Schüler mag auch oder vielleicht zuvorderst darin begründet sein, dass es in der Welt der Zahlen relativ abstrakt zugeht und an anschaulichen Beispielen mangelt. Die Mission von Professor Dr. Albrecht Beutelspacher besteht darin, eine Mathematik "zum Anfassen" vorzustellen, also in jeder Hinsicht begreifbar zu machen. Nach seinem Vortrag, oder besser: seiner Mathe-Show im Lorscher Paul-Schnitzer-Saal hätten wohl viele Zuhörer die schneidige These des Wissenschaftlers unterzeichnet, die da lautet: "Mathe kann glücklich machen". Die Erkenntnis ist der schnellste Weg zur Leidenschaft. Für wen Möbiusbänder und Dodekaeder böhmische Dörfer sind, der nähert sich mathematischen Körpern am besten auf die sinnliche Art. "Ich möchte Gedanken in Bewegung bringen", sagt der Leiter des Gießener Mathematikums, des ersten interaktiven Mathemuseums der Welt. Beutelspacher baut Hemmschwellen ab und trotzt selbst den skeptischsten Rechenmuffeln ein Quantum Interesse ab. Ein Fach, das gar nicht trocken istJährlich 150 000 Besucher seiner Gießener Mitmachwerkstatt sprechen für sich. "Wie man durch eine Postkarte steigt" titelte die Veranstaltung, zu der die Buchhandlung am Kloster und der Bergsträßer Anzeiger eingeladen hatten. Darin widerlegte der Professor der Justus-Liebig-Universität Gießen die Annahme, dass es sich bei der Mathematik um eine "trockene" Wissenschaft handele. Publikum zum Staunen gebrachtDezent garniert von historischen Marksteinen, von den geometrischen Entdeckungen des Pythagoras bis zur modernen Mathematik, präsentierte Albrecht Beutelspacher verschiedene Experimente und Berechnungen, die das Publikum wiederholt ins Staunen versetzten. Zum Beispiel diese: Faltet man ein gewöhnliches DinA4-Blatt 42 Mal, reicht der kleine Stapel bis zum Mond - und das sind immerhin runde 350 000 Kilometer. Der Grund heißt exponentielles Wachstum und spiegelt in diesem Fall das simple Gesetz, dass sich die Dicke des Papiers bei jedem Faltvorgang verdoppelt. Zum Vorführen eignet sich dieser Versuch allerdings kaum: Die Fläche des Papiers halbiert sich bei jedem Falten, weshalb seine Oberfläche nach 42 Schritten kaum größer als ein Atom wäre. "Aber auch der letzte Faltvorgang wäre eine echte Herausforderung", so Prof. Beutelspacher über den Akt in 175 000 Kilometern Höhe. Wie in seiner Fernsehsendung auf BR-alpha ("Mathematik zum Anfassen") ermöglichte der Mathematiker seinen Zuschauern einen direkten und spannenden Zugang zur Materie. Mit Papier, Schere und Klebstoff kann er die Komplexität hinter vermeintlich simplen Figuren erklären und die magische Komponente der Mathematik ans Tageslicht bringen. Hier und da wurde im Schnitzer-Saal eifrig mitgeschrieben und die schönsten Tricks notiert. Auch jener mit der Postkarte: Man faltet die Karte einmal zusammen und schneidet mit der Schere abwechselnd auf beiden Seiten ein - beginnend und endend mit der gefalteten Seite. Dann noch die Bruchstelle des äußeren Randes durchtrennen und man erhält einen großen Ring, durch den ein Mensch mühelos hindurch passt. Je enger die Schnitte, desto größer der Ring. "Die Fläche der Karte wird auseinander gezogen", so der Mathematiker. Theoretisch könnte sogar ein Flugzeug durchrollen. Begeistern ohne Fach-ChinesischDer Wissenschaftler und Buchautor bringt es fertig, die Faszination seines Metiers ohne komplizierte Erklärungen in Fachchinesisch unter die Leute zu bringen. Seine Formel heißt "Edu-tainment", eine Wissensvermittlung auf unterhaltsame Art, die Spaß macht und hängen bleibt. "Ich stand in Mathe lange zwischen zwei und drei", berichtete Beutelspacher aus seiner Schulzeit in Tübingen. Erst kurz vor dem Abitur wurde er zum Überflieger und lieferte eine glatte eins ab. Fazit: Mathematik kann wirklich glücklich machen. Wenigstens für einen Abend. tr Bergsträßer Anzeiger |